so wenig wie möglich, so viel wie nötig…

Veröffentlicht von Pedi am

den Hund anleinen – im 21. Jahrhundert 

von Jessica Reinhold, Führen-ohne-Worte, Hunde-Trainerin und Verhaltenstherapeutin und pedi Matthies, Entwicklerin der HundeNerd (R)-Produkte

Unsere Welt ist im Wandel: alte Vorstellungen weichen neuen Erkenntnissen. So verändert sich auch die Sicht des Menschen auf die Tiere. Eine neue Denkweise entwickelt sich und hinterfragt unsere Gewohnheiten im Umgang mit allen Lebewesen. Wir setzen uns mit der ´artgerechten´ Tierhaltung auseinander und fragen uns, ob Tiere in unserer heutigen Gesellschaft ihren natürlichen, angeborenen Lebensgewohnheiten nachgehen können? Auch unseren Hunden kommt die neue Denke zugute: ein Blick auf die aktuellen Publikationen der Haustierabteilung zeigt uns, welche Themen diskutiert werden: „Entspannungstraining für Hunde“ oder „Wissen Hunde, dass sie Hunde sind?“. 

Bevor wir uns aber Sorgen über die philosophische Eigenwahrnehmung unserer caniden Freunde machen, sollten wir einen Schritt zurück gehen und die allgemeinen Konventionen der Hundehaltung betrachten. Erfreulich ist, dass mittlerweile Hunde nicht mehr als Kindersatz wahrgenommen und über die Maßen vermenschlicht werden oder das andere Extrem: wie Sachen behandelt. Es besteht sozusagen ein Trend, den Hund als Hund wahr zu nehmen, sich auf dieses komplexe Wesen einzulassen und zu lernen, was ein Hund eigentlich ist, und wie er tickt. 

In diesem Sinne möchten wir heute das Thema Halsungen neu betrachten. Wie wäre es, Dinge zu hinterfragen, von denen man meinen könnte, dass es dort nichts Neues gäbe – so wie bei Halsband, Geschirr und Leine? Hunde tragen Halsband, manche Geschirr,  dazu gibt es verschiedene Leinen. Fertig. Aber was ist richtig? Was ist denn ein gutes Halsband? Welche Anforderungen bestehen für ein Geschirr? Was passiert mit unseren Hunden, wenn sie Halsbänder oder Geschirre tragen und wenn sie an der Leine laufen?

Wahrscheinlich können wir uns alle darauf einigen, dass „gar kein Halsband“ die allerbeste Version für das Wohlbefinden des Hundes ist. Der Hals ist die Zone der freundlichen Kommunikation unter Hunden. Auch ist es mit Abstand der empfindlichste Teil des ganzen Körpers. Die Liste der Verletzungen, die ein Hund durch das ziehen am Halsband erleiden kann ist lang und reicht von Bandscheibenverschiebungen bis hin zu Lähmungserscheinungen. Fälle von zertrümmerter Luftröhre sind bekannt, auch zerquetschte Speiseröhren; häufig sind Kehlkopfschäden oder Überdruck im Gehirn, der sich auf Hör- und Sehvermögen auswirkt. 
Deswegen lautet unser Vorschlag: den Hund so oft wie möglich ohne Halsband leben lassen und sobald man im Haus ist, das Halsband abziehen. In einem eingezäunten Garten kann der Hund gänzlich ohne Halsband gehen.  Je öfter der Hund ganz frei ist, desto besser. Als Merksatz würden wir anbieten: so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig an den Hund anbringen
Konkret heisst das, bei einem kleinen Spaziergang, wo der Hund vielleicht die meiste Zeit ohne Leine laufen kann, kommt nur das Halsband zum Einsatz oder aber bei einem jungen oder lebhaften Hund, der die Leinenführigkeit noch nicht so gut beherrscht, ein gutes Geschirr.

Womit wir bei der Frage wären, wie genau sieht denn ein zeitgemäßes Halsband oder ein Geschirr aus? 
Wenn wir uns in Mitgefühl üben und uns vorstellen, wie es sich anfühlt ein Halsband zu tragen, kommen wir von ganz allein auf die richtige Version. Es erklärt sich in diesem Fall von selbst, dass Ketten und andere metallische Versionen völlig daneben sind. Achtung – unser Tierschutzgesetz verbietet Stachelhalsbänder – nur als kleiner Hinweis für diejenigen, die noch denken, dass der Hund am schnellsten durch Schmerz und Vermeidung lernt, ordentlich an der Leine zu gehen.
Also, ein weiches Gurtband, welches eine breite Polsterung aufweist, ist sicherlich am angenehmsten. Zur besseren Sichtbarkeit ist das Band mit Reflektoren ausgestattet. Eine Vorrichtung, um die Marke, bzw. das obligatorische Metallplättchen mit Namen des Hundes und Handy-Nr. des Halters aufzunehmen, OHNE daß dieses bei jeden Schritt klimpert oder klingelt! Das Hunde ein empfindliches Gehör haben und sich durch so eine Dauerbelästigung genervt fühlen, führen wir zur Erinnerung kurz auf.   Aber bitte machen Sie nicht den Fehler, die Marke oder Identplättchen komplett weg zu lassen! Oft sieht man Meldungen von entlaufenen Hunden in unseren Facebook-feeds, die als „super gepflegt mit schönem Halsband“ aber nicht identifizierbar beschrieben werden! Wie einfach kann der Hund wieder mit seinem Menschen zusammen gebracht werden, wenn die Handy-Nr. gut sichtbar ist und wir als Halter dann auch noch unser Handy beim Spaziergang in der Hosentasche haben! 

Steht ein Ausflug oder eine große Wanderung an, oder auch der Einkaufsbummel, ist meistens das Geschirr die beste Wahl. Auch wenn der Hund jung und lebhaft ist sollten wir uns die Mühe machen den Hund mit einem guten Geschirr auszustatten. Bis „Leine laufen“ richtig zuverlässig klappt ist es für Hund (und Halter) am entspanntesten, wenn der Hund im Geschirr läuft. Und wirklich stark ziehende Hunde müssen ein Geschirr tragen, sonst sind die gesundheitlichen Risiken einfach zu groß.

Allerdings gibt es Geschirre wie Sand am Meer und eine gute Wahl zu treffen ist wirklich nicht leicht. Es gibt Geschirre, auch von namhaften Herstellern, die wie eine Zwangsjacke anmuten, aber Sicherheit im Auto versprechen. Auch hier hilft es wieder, sich selbst in die Lage des Hundes zu versetzen: wie würde ich mich fühlen, wenn ich so eine Konstruktion für eine mehrstündige Autofahrt tragen müsste? Ist das Geschirr weich und schmiegt es sich an den Körper an? Laufen Gurtbänder über den Bauch, wo die empfindlichen Organe gequetscht werden könnten? Sitzt es fest genug, damit der Hund auch darin artgerecht spielen kann? Zieht es sich über den Kopf ab, wenn der Hund stehen bleibt, aber der Mensch weiter zieht? 

Anatomisch gesehen, ist für alle Säugetiere der Brustkorb der stabilste Teil des Körpers. Hier können Kräfte über das Skelett abgeleitet werden, ohne dass empfindliche Organe belastet werden – d.h. auch, dass alle Gurte die im Bauchbereich geführt werden, potentiell gefährlich sind. Weiterhin sollte bei einem Geschirr nichts scheuern, quetschen oder drücken. Auf perfekte Passform zu achten, ist logisch.

Manche Geschirre weiten sich durch Feuchtigkeit und Körperwärme (passiert gerne bei Geschirren mit viel Fleece-Anteil). Manche Materialien scheuern bei manchen Sensibelchen das Fell auf…  Die verwendeten Materialien sollten weich aber robust, pflegeleicht und wasserabweisend sein. Das gerne verwendete Neopren nimmt Wasser wie ein Schwamm auf und speichert es. Beim Menschen wirkt Neopren wärmend, da das Wasser in den Poren des Neoprens sich durch die Körperwärme erwärmt und dann isoliert. Der Hund hat natürlich mehr oder weniger dickes Fell zwischen Haut und Neopren. Somit bleibt das Geschirr nass und kalt und stellt damit ein Gesundheitsrisiko bei Wasser liebenden Hunden dar.

 Es ist bestimmt nicht einfach, das passende Geschirr für ihre Fellnase zu finden, aber die Mühe, sich zu informieren und zu vergleichen wird mit jedem entspannten Spaziergang belohnt.

Was muss ich noch wissen, um meinen Hund artgerecht anzuleinen?

Als informierter Hundehalter sind wir uns darüber einig, dass es unsere Verantwortung ist, den Hund artgerecht, vorausschauend und sicher durch unsere Menschenwelt zu führen. Der „Leinenruck“, um den Hund zu maßregeln, gehört mittlerweile zu den antiquierten Methoden. Eine Kommunikation mit dem Hund, die auf Körpersprache und Einfühlungs-vermögen beruht, kann und sollte man sich aneignen. Es gibt viele Feinheiten zu beachten, und wer noch nicht so viel Erfahrung hat, oder noch unsicher ist  kann sich an eine oder einen der vielen gut ausgebildeten Mensch-/Hund-Coaches wenden. Unsere eigene Unsicherheit überträgt sich sofort auf den Hund – es liegt also an uns zu lernen, wie ein guter, souveräner Rudelführer handelt.

Des Weiteren sollte klar sein, dass ein angeleinter Hund (egal ob am Halsband oder im Geschirr) in seiner Körpersprache anderen Hunden gegenüber eingeschränkt ist. Aber den Fehler, bei einer Begegnung mit einem unbekannten Hund, abzuleinen und zu sagen „die regeln das schon unter sich“, sollten wir nicht machen. Wir führen unseren Hund und sind somit auch verantwortlich für das Wohl unseres Schützlinges. Hier liegt es an uns abzuschätzen, welche Art Herrchen und Hund uns begegnen und wie wir mit dieser Begegnung umgehen und unseren Hund entspannt und unbeschadet geleiten. 

Die Leine kann man, vielleicht etwas zu dramatisch formuliert, als Nabelschnur betrachten. Fakt ist aber, dass unsere An- oder Entspannung sich durch die Leine auf den Hund überträgt. An dieser Stelle eine Warnung an die Rollleinen-Nutzer: nicht nur, dass diese dünnen, starken Schnüre wie Messer bei Begegnungen mit Kindern, Joggern und anderen Hunden wirken können, durch die Funktionsweise dieser Leinen, steht der Hund permanent auf Zug. Auch verleiten Roll-Leinen den Halter unaufmerksam werden zu lassen, da es „ja so einfach ist“ dem Hund seinen „Auslauf“ damit zu ermöglichen. Selbst bei der ganz langen Version ist das allerdings nicht wirklich ein artgerechter Auslauf. Jagdlich ambitionierte Hunde werden mit der Nutzung von Rollleinen nicht ausgelastet. 

Das Wohl unseres Hundes obliegt uns; wir haben die komplette Verantwortung und müssen unsere felligen Freunde sicher und artgerecht durch unsere Menschenwelt führen. Es ist ein Segen, das es heutzutage viele gute Hundeschulen und Trainer gibt, die uns die Hundewelt erklären und näher bringen können. Und wenn wir unser Einfühlungsvermögen bei der Wahl der richtigen Halsung nutzen, diese dem Wesen und Erscheinungsbild des Hundes anpassen, können Halsband, Geschirr und Leine als zuverlässige, liebevolle Kommunikations-punkte eingesetzt werden.


1 Kommentar

Bibi · 21. Februar 2017 um 7:10

Hallo,
Wie und wo sitzen denn Geschirre am besten?
Es gibt da so viele Meinungen und wenn ich ein Geschirr beim Zoohandel oder Tiergeschäft kaufe, können die oft nicht genau sagen wie das Geschirr genau eingestellt werden muss.
Hintergrund ist, dass wir Schilddrüsenunterfunktion und Schulterprobleme haben und dementsprechend das Geschirr gut sitzen muss.
Vielen Dank

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